Frank Vollmer

Mit August Bebel fing alles an

Die Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Ravensburg (1)

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August Bebels Besuch in Ravensburg 

Der 16. November des Jahres 1869 schien in Ravensburg ein Tag wie viele andere zu werden. Am Vormittag dieses Dienstags verhandelte die Strafkammer des Kreisgerichtshofs Ravensburg über einen 23-jährigen Tettnanger Schuhmacher wegen Körperverletzung, die er während einer Messerstecherei begangen hatte (Oberschwäbischer Anzeiger, 17. November 1869). Nachmittags musste sich ein Angeklagter aus Schwarzenbach wegen "Ehrenkränkung" vor den Richtern verantworten (Oberschwäbischer Anzeiger, 14. November 1869). Für abends um acht Uhr  hatte der Liederkranz zu einer "etatsmäßigen Plenar-Versammlung" in den Gasthof "Hohenberg" in der Bachstraße (heute: Supermarkt "Feneberg") eingeladen (Oberschwäbischer Anzeiger, 12. November 1869). In Ravensburg wäre seinen geregelten Lauf gegangen, wenn nicht an jenem Tag ein adrett gekleideter, vollbärtiger, junger Herr auf dem Ravensburger Bahnhof dem aus Ulm kommenden Zug entstiegen wäre.

August Bebel war zu dieser Zeit selbst in Württemberg kein Unbekannter mehr. Seit März 1867 gehörte der Leipziger Drechslermeister dem Reichstag des Norddeutschen Bundes an. Zudem war er einer der Gründerväter der "Socialdemokratischen Arbeiter-Partei" (SDAP), die sich Anfang August 1869 in Eisenach konstituiert hatte.  

August Bebel

Der Leipziger Drechslermeister August Bebel (1840 - 1913) war Abgeordneter im Norddeutschen Reichstag und einer der Gründerväter der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. 

Auf Agitationsreise durch Süddeutschland

Bereits seit Anfang November des Jahres befand sich Bebel auf einer "Agitationsreise", die ihn durch Süddeutschland führte (Bebel 1914: 103; Der Volkstaat, 25. Dezember 1869). Nachdem er zunächst einige bayerische Städte besucht hatte, war er am Vortag bei Ulm ins Königreich Württemberg eingereist. Ulm war auch die einzige Station seiner Reise, in der sein "Aufenthalt resultatlos" verlief, da keine Versammlung zustande kam, wie Bebel in seinem "Agitationsbericht" nach Abschluss seiner Reise schreiben sollte (abgedruckt in: Der Volksstaat, 25. Dezember 1869).

Der Drechslermeister warb bei den württembergischen Arbeitervereinen um deren Anschluss an die Sozialdemokratie. Dies war alles andere als ein leichtes Unterfangen, denn die württembergische Arbeiterbewegung stand traditionell in engem Kontakt zu den Demokraten der "Volkspartei". Führende Köpfe der Arbeiterbewegung waren gleichzeitig Mitglieder dieser Partei. So war es der SDAP in den wenigen Monaten seit ihrer Gründung auch noch nicht gelungen, in Württemberg Fuß zu fassen. Gleichzeitig musste Bebel den Agitatoren des "Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins" (ADAV) zuvorkommen. Denn die "Lassalleaner", wie die Mitglieder des bereits 1863 entstandenen ADAV nach ihrem Gründer Ferdinand Lassalle genannt wurden, konkurrierten ebenfalls mit Bebels SDAP um die Gunst der württembergischen Arbeiter.

Ravensburg - durchaus interessant für die Sozialdemokratie

Am jenem Dienstagabend wollte der Sozialdemokrat vor einer Versammlung des Ravensburger Arbeiterbildungsvereins sprechen. Für Bebel war die oberschwäbische Metropole keineswegs uninteressant. Die damals rund 8.000 Einwohner zählende Stadt hatte sich in den vorangegangenen Jahrzehnten zu einem der wichtigsten Industriezentren im Königreich Württemberg entwickelt. Bereits seit längerem florierte die Textilindustrie. Mit der Errichtung eines Filialbetriebs durch die Schweizer Maschinenfabrik "Escher Wyss & Cie." im Jahr 1859 hatte zudem der Maschinenbau in der Stadt Einzug gehalten. Rund 100 Arbeiter beschäftigte Escher Wyss im Jahre 1868. Außerdem hatte wenige Monate vor Bebels Besuch die auf den Bau von Werkzeugmaschinen spezialisierte Maschinenfabrik F.X. Honer (ab 1921: "Maschinenfabrik Ravensburg AG") den Betrieb aufgenommen.

Vom Besuch überrascht

Ein Teil der Ravensburger Arbeiterschaft war im "Arbeiterbildungsverein" organisiert. Etwa 80 Mitglieder zählte der Verein im Jahr von Bebels Besuch (Protokoll Congreß zu Stuttgart 1870: 9). Im Oktober 1864 war der Verein wiedergegründet worden, nachdem sich seine Vorläuferorganisation im Jahre 1853 unter dem Druck der Obrigkeit aufgelöst hatte (Birker 1973: 132; Heinz 1995: 8f.). Der Ravensburger Arbeiterbildungsverein war keineswegs auf Bebels Besuch eingestellt. Erst am Vortag hatte der Arbeiterbildungsverein Göppingen, der die Reise August Bebels organisierte, die Oberschwaben "mit der angenehmen Nachricht überrascht" (Der Volksstaat, 24. November 1869), dass der populäre Sozialdemokrat auch in ihrer Stadt eine "Volksversammlung" (ebenda) abhalten wolle.

Schnellstens mussten deshalb die Vereinsmitglieder informiert werden. Da an diesem Tag keine Zeitung erschien, sorgte man für "anderweite Bekanntmachung" (ebenda). Die benachbarten "Brudervereine" (ebenda) Tettnang und Weingarten wurden ebenfalls umgehend von der sensationellen Nachricht in Kenntnis gesetzt.

Die Versammlung fand wahrscheinlich im Gasthaus "Drei Könige" in der Marktstraße (heute: "Ledermoden Sophie Schlachter") statt, dem Tagungslokal des Arbeiterbildungsvereins. Der konservativ-katholische "Oberschwäbische Anzeiger" erwähnte dieses Ereignis allerdings mit keiner Zeile. Dass wir heute dennoch recht genau Bescheid wissen über den Ablauf der Veranstaltung, verdanken wir einem Artikel, der am 24. November 1869 im "Volksstaat" erschien, dem offiziellen Organ der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.

Bebel begeisterte

Die Mitglieder der Arbeiterbildungsvereine und "ein Theil der hiesigen Bevölkerung, darunter viele Fabrikanten, füllten das Lokal vollständig" (Der Volksstaat, 24. November 1869). Bebel referierte über die "soziale Frage" (ebenda). Seine Redegewandtheit, die Klarheit, mit der er seine Gedanken darlegte, und seine stichhaltige Argumentationsweise machten seine Ausführungen auch für den einfachsten Arbeiter verständlich. Der Sozialdemokrat verstand es, seine Zuhörer zu begeistern: 

    Der sehr eingehende Vortrag erfreute sich ungetheilter Aufmerksamkeit. Die Gegner, aufgefordert das Wort zu ergreifen, schwiegen; nur ein dicker Zinngießermeister, der infolge des genossenen Bieres und der großen Hitze im Saal etwas in Exstase gerathen war, suchte eine Auseinandersetzung des Hrn. Bebel über die gesetzliche Regelung der Arbeitszeit in sehr unparlamentarische Weise zu unterbrechen, wurde aber vom Vorsitzenden deshalb zur Ordnung gerufen. Dieser Gegenstand gab auch mehreren Fabrikanten Anlaß, das Wort zu ergreifen. Einer derselben war mit der gesetzlichen Regelung der Arbeitszeit vollkommen einverstanden, während der andere meinte, daß man es dem einzelnen Arbeiter nicht wehren dürfe, wenn er länger arbeiten wolle; die 'persönliche Freiheit' dürfe nicht beschränkt werden." (ebenda).    

Diese Angriffe konnten den Sozialdemokraten nicht in Verlegenheit bringen. Im Gegenteil: In seinem zum Abschluss der Reise im "Volksstaat" veröffentlichten "Agitationsbericht" schrieb August Bebel:  "Die Opposition [...] hat unserer Sache die besten Dienste geleistet und ich bedauere nur, daß man an anderen Orten sich während meiner Anwesenheit so schweigsam verhielt und erst dann gegen mich loszog, als ich den Rücken gekehrt hatte, und die Betreffenden keine Gefahr mehr liefen, heimgeschickt zu werden." (Der Volksstaat, 25. Dezember 1869). 

Souverän ging der brillante Redner deshalb zum verbalen Gegenangriff über: 

    Hr. Bebel wies nach, daß mit dem Schlagwort 'Freiheit' in der heutigen Gesellschaft ein arger Mißbrauch getrieben wird. Unter Freiheit könne man nur die ungehinderte Thätigkeit des Einzelnen insoweit verstehen, als das Interesse der Gesammtheit dadurch keinen Schaden erleidet. Lasse man jedem Arbeiter die Freiheit, beliebig lange zu produziren, dann würde der alte Uebelstand bald wieder einreißen; Jeder suche durch längere Arbeitszeit mehr zu verdienen, und wenn erst eine größere Anzahl von Arbeitern länger arbeiteten, würden die Arbeitsprodukte vermehrt; die Vermehrung der Arbeitsprodukte aber mache naturgemäß eine Verringerung der Arbeitskräfte nothwendig. Die außer Brod gesetzten Arbeiter wollten und müßten leben; Sie würden also ihre Arbeitskraft um einen billigeren Preis anbieten. Die Folge hiervon sei, daß der Lohn für die fragliche Arbeit sinke, die Arbeitszeit aber verlängert bleibe, weil jetzt durch das Fallen des Lohnes der Arbeiter eben auch nur verdiene, was er früher bei kürzerer Arbeitszeit hatte, und was zur Fristung seiner Existenz unumgänglich nothwendig ist." (Der Volksstaat, 24. November 1869). 

Ein dreifaches Hoch auf Bebel

Im Anschluss an Bebels Ausführungen hielt der Ravensburger Reallehrer Kurz ebenfalls eine längere Ansprache, die er mit "einem dreifachen Hoch auf Hrn. Bebel, in das die Versammlung stürmisch einstimmte" (ebenda), beendete. Nachdem sich Kurz bei den Versammelten bedankt hatte "und es den Arbeitern wiederholt ans Herz gelegt hatte,... sich thatkräftig am Parteileben zu betheiligen" (ebenda)  schloss der Vorsitzende des Ravensburger Arbeiterbildungsvereins, Jeggle, die Versammlung.  Der Bericht im "Volksstaat" über die lebhafte Veranstaltung endet mit den Worten:  "Wenn nächstes Jahr der social-demokratische Arbeiter-Congreß in Stuttgart stattfindet, wird Ravensburg durch eine erkleckliche Zahl von Parteigenossen dort vertreten sein. Der ausgestreute Saame wird, das ist unzweifelhaft, gute Früchte tragen." (ebenda). 

An jenem Abend konnte Bebel zufrieden sein. Die Reise hatte sich gelohnt. Er hatte die Ravensburger Arbeiterschaft für die Idee der Sozialdemokratie begeistern können.

Volkstaat-Abonnenten in Ravensburg

Bebel, der gleichzeitig einer der Redakteure des "Volksstaats" war, rührte vermutlich auf der Ravensburger Versammlung kräftig die Werbetrommel für die Parteizeitung. Denn ab dem ersten Quartal des folgenden Jahres gingen dreimal pro Woche insgesamt zehn Exemplare der Zeitung an Abonnenten in Ravensburg. Die Stadt lag damit hinsichtlich der Zahl der "Volksstaat"-Bezieher gleichauf mit Gießen und Bielefeld und – teilweise mit weitem Abstand – vor Städten wie Düsseldorf, Heidelberg Bremen oder Danzig (Der Volksstaat, 1. Juni 1870).

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Frank Vollmer

Erschienen in: Staudacher, Ingrid (Hrsg.) (1995): 125 Jahre Sozialdemokraten für Ravensburg (1870 – 1995). Ravensburg: 8-15.

Foto: © Archiv der sozialen Demokratie